Literatur

Europa literarisch: Ivaila Alexandrova (Bulgarien)

14.03.2011, 18:00

Ivaila Alexandrova (*1951 Sofia) ist Journalistin und Autorin. Ihr Romandebüt "Goreshto cherveno" (Heißes Rot) hat in Bulgarien nach seinem Erscheinen 2007 heftige Debatten entzündet. Es ist der erste bulgarische Dokumentarroman, der die Zeit des so genannten Volksgerichts der „sozialistischen Revolution“ von 1945 aufarbeitet. Damals wurden insgesamt 11.122 „Lebendige“ vorgeladen (die anderen waren die „spurlos Verschwundenen“), 2.730 Todesurteile, 1.305 lebenslange Haftstrafen, und 4.305 Urteile von bis zu 15 Jahren Gefängnis wurden verhängt.

Gegenstand des Romans ist das Gerichtsverfahren Nr. 6 – gegen die Intellektuellen. Im Zentrum steht der Maler und Zeitungsmacher Raiko Alexijew und seine Familie. Als Künstler und Publizist angesehen, wird Alexijew kurz nach Einmarsch der russischen Truppen inhaftiert, gefoltert und im November ermordet. Trotzdem wird er am 12. März 1945 in den damaligen Schauprozessen angeklagt und posthum zum Tode verurteilt.

Ivaila Alexandrova hat jahrelang recherchiert; Protokolle, Archivmaterialien fließen ein. Sie hat Interviews geführt mit den Kindern der Protagonisten – unabhängig davon, auf welcher Seite die Väter standen, ob sie Angeklagte, Zeugen oder Henker waren. Hauptquelle der Erzählung aber sind die Gespräche mit der Witwe Alexijews, der „Roman“ ihres Lebens.

Ivaila Alexandrova wurde für den Roman mit dem Großen Nationalliteraturpreis Christo G. Danov, mit dem Spezialpreis für Dokumentarprosa Helikon sowie dem Elias-Canetti-Literaturpreis 2009 geehrt. Auf Deutsch ist er bislang nicht erschienen. Das Buch ist selbst ein Dokument der beginnenden Erinnerungsarbeit und Aufarbeitung der nahen Vergangenheit in Bulgarien. „Bis jetzt wurde diese Geschichte nicht erzählt. Weil sie uns zu Helfershelfern des Bösen macht, von dem wir nicht Teil sein wollen. Das schmerzt. Besonders, wenn es unsere Väter betrifft. Es ist höchste Zeit, Worte zu finden...“, sagte Ivaila Alexandrova in ihrer Rede bei der Verleihung des Canetti-Preises.

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